Der Fliegende Holländer

Entstehung

Nachdem Wagner mit seiner Frau Minna die Reise von Riga nach Paris glücklich überstanden hatte, begann er sogleich die Arbeit an seinem „Fliegenden Holländer“.

Ich … entwarf den Plan zum Gedicht meines „Fliegenden Holländers“, bei welchem ich die Möglichkeit eines Auftretens in Paris immer noch im Auge behielt. Ich faßte den Stoff nämlich für einen einzigen Akt zusammen, wozu mich zunächst der Gegenstand selbst bestimmte, da ich auf diese Weise ihn, ohne alles jetzt mich anwidernde Opernbeiwerk auf den dramatischen einfachen Vorgang zwischen den Hauptpersonen zusammengedrängt geben konnte. Auch der praktischen Seite hin glaubte ich aber annehmen zu dürfen, daß ich für eine einaktige Oper, wie man sie als sogenanntes Lever de rideau vor einem Ballett in der Großen Oper häufig gab, am ehesten Aussicht zur Annahme meiner projektierten Arbeit erkannte.

Der Komponist Meyerbeer, der zur damaligen Zeit eine Koryphäe auf Europas Bühnen war, stellte sich ihm hilfreich an die Seite und machte Wagner mit dem Direktor der Großen Oper, Leon Pillet, bekannt, welcher ihm den Auftrag für eine zwei- oder dreiaktige Oper anvertraute.

Ich hatte für diesen Fall mich bereits mit einem Sujetentwurfe vorgesehen. Der „Fliegende Holländer“, dessen innige Bekanntschaft ich auf der See gemacht hatte, fesselte fortwährend meine Phantasie; dazu machte ich die Bekanntschaft von H. Heines eigentümlicher Anwendung dieser Sage in einem Teile seines „Salons“. Besonders die von Heine einem holländischen Theaterstücke gleichen Titels entnommene Behandlung der Erlösung dieses Ahasverus des Ozeans gab mir alles an die Hand, diese Sage zu einem Opernsujet zu benutzen. Ich verständigte mich darüber mit Heine selbst, verfaßte den Entwurf und übergab ihn dem Herrn Leon Pillet mit dem Vorschlage, mir danach ein französisches Textbuch machen zu lassen.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich der Direktor wieder bei Wagner:

der Entwurf gefalle ihm so sehr, daß er wünschte, ich träte ihm denselben ab. Er sei nämlich genötigt, einem älteren Versprechen gemäß einem andern Komponisten baldigst ein Opernbuch zu übergeben: der von mir verfaßte Entwurf scheine ihm ganz zu solchem Zwecke geeignet, und ich würde wahrscheinlich kein Bedenken tragen, in die erbetene Abtretung einzuwilligen, wenn ich überlegte, daß ich vor dem Verlauf von vier Jahren mir unmöglich Hoffnung machen könnte, den unmittelbaren Auftrag zur Komposition einer Oper zu erhalten, da er erst noch Zusagen an mehrere Kandidaten der Großen Oper zu erfüllen habe; bis dahin dürfte es mir natürlich doch auch zu lang werden, mich mit diesem Sujet herumzutragen; ich würde ein neues auffinden, und mich gewiß über das gebrachte Opfer trösten.

Dieser Vorschlag war natürlich nicht im Sinne Wagners und er ließ die Sache erst einmal offen.

Seine Lage spitzte sich derweil immer mehr zu. Er mußte Lohnarbeit übernehmen, um wenigstens das Nötigste zum Leben zu haben. So schrieb er für musikalische Zeitschriften Arrangements und Artikel über deutsche Musik. Der Winter 1841 war so der Tiefpunkt seines unrühmlichen Aufenthaltes in Paris.

Im Frühjahr zog Wagner nach Meudon aufs Land hinaus und sehnte sich endlich wieder nach geistiger Arbeit. Es sollte nicht lange dauern:

Ich erfuhr nämlich, daß mein Entwurf des Textes zum „Fliegenden Holländer“ bereits einem Dichter, Paul Fouché, übergeben war, und ich sah, daß, erklärte ich mich endlich zur Abtretung desselben nicht bereit, ich unter irgendeinem Vorwande gänzlich darum kommen würde. Ich willigte also endlich für eine gewisse Summe in die Abtretung meines Entwurfes ein.

Glücklicherweise galten die abgetretenen Rechte nur für Frankreich …

Ich hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als mein Sujet selbst in deutschen Versen auszuführen. Um sie zu komponieren, hatte ich ein Klavier nötig, denn nach dreivierteljährier Unterbrechung alles musikalischen Produzierens mußte ich mich erst wieder in eine musikalische Atmosphäre zu versetzen suchen: ich mietete ein Piano. Nachdem es angekommen, lief ich in wahrer Seelenangst umher; ich fürchtete nun entdecken zu müssen, daß ich gar nicht mehr Musiker sei. Mit dem Matrosenchor und dem Spinnerlied begann ich zuerst; alles ging mir im Fluge vonstatten, und laut auf jauchzte ich vor Freude bei der innig gefühlten Wahrnehmung, daß ich noch Musiker sei. In sieben Wochen war die ganze Oper komponiert.

Aber es war sehr knapp:

denn gerade nur bis zum Schluß der letzten Szene gelangte ich, als meine 500 Franken zu Ende gingen; nicht mehr aber reichten sie auch zur Sicherung der nötigen Ruhe für die Komposition der Ouvertüre aus.

Unversehens holte ihn so die Drangsal des täglichen Überlebens wieder ein.

Am Ende dieser Zeit überhäuften mich aber wieder die niedrigsten äußeren Sorgen: zwei volle Monate dauerte es, ehe ich dazu kommen konnte, die Ouvertüre zu der vollendeten Oper zu schreiben, trotzdem ich sie fast fertig im Kopfe herumtrug.

Auch die Instrumentation gestaltete sich schwierig:

Unter den unsäglichsten Entbehrungen suchte ich es immer noch möglich zu machen, soviel freie Zeit zu behalten, daß ich die Instrumentation meiner Komposition des „Holländers“ ausarbeiten könnte. Die rauhere Herbstwitterung trat ausnahmsweise frühzeitig ein, aus allen Sommerwohnungen zog man nach Paris zurück … Nur wir konnten nicht daran denken, weil wir die Mittel zu dieser Übersiedelung nicht aufzutreiben vermochten.

Da erklärte sich sein Freund Kietz bereit, Hilfe zu schaffen und kam am andern Tag tatsächlich mit 200 Franken wieder, die er sich in aufopfernder Weise verschafft hatte. Sogleich machten sie sich auf und fanden in Paris eine sehr kleine und kalte Hinterhaus-Wohnung.

Zunächst galt es, um jeden Preis mir auf die kurze Zeit, welche ich auf die Ouvertüre des „Fliegenden Holländers“ zu verwenden hatte, Ruhe zu verschaffen; ich erklärte Kietz, daß er bis zur Vollendung dieses Tonstücks und der Absendung der fertigen Partitur der Oper das nötige Geld für meinen Haushalt herbeischaffen müsste. Mit Hilfe eines peinlichen Onkels, welcher ebenfalls als Maler seit lange in Paris ansäßig war, gelang es ihm, mir 10 und 5 frankenweise die nötigen Subsidien zuzustellen.

Ich zeigte um diese Zeit häufig mit heitrem Stolze meine Stiefel, welche endlich buchstäblich nur noch eine Scheinbekleidung für meine Füße abgaben, da die Sohlen zuletzt vollständig verschwanden.

Doch das hielt Wagner nicht von der Arbeit an seiner Partitur ab, er ging einfach nicht aus und stellte sie am 21.10.1841 fertig.