Tannhäuser

Der Tannhäuser-Skandal

Bericht von Malwida v. Meysenbug

Der Tannhäuser-Skandal in Paris, 1861

(aus: Ein Leben für die Anderen – Aus den Memoiren einer Idealistin)

Inzwischen gingen die Probe des „Tannhäuser“ vorwärts, und Wagner forderte mich auf, in die erste vollständige Orchesterprobe zu kommen (1861). Es waren nur wenige Bevorzugte im großen Opernhaus gegenwärtig, von Damen nur Wagners Frau und ich. So hörte ich denn zum erstenmal vollständig vom Orchester diese Musik, die so lange das Ziel meiner Sehnsucht gewesen war, und ich war davon ergriffen wie von etwas Heiligem, davon berührt wie von dem Hauch der Wahrheit. Es ging auch alles wunderschön, und nach dem Sextett, wo die Minnesänger den wiedergefundenen Tannhäuser begrüßen, erhob sich das Orchester wie ein Mann und brachte Wagner ein freudiges Hoch der Begeisterung aus. Es war ein Uhr in der Nacht, als die Probe zu Ende war. Wagner war freudig erregt, weil alles so Herrliches zu versprechen schien, und forderte mich und seine Frau auf, in der Maison d´or des Boulevard des Iatliens ein Abendbrot einzunehmen. Wie saßen in einem kleinen Zimmer für uns allein. Es war eine herrliche Nachtstunde, die der herrlichen Probe folgte. Wagner erzählte uns, wie er der jungen Marie Sachs, die er ihrer prächtigen Stimme wegen für die Elisabeth gewählt hatte, obgleich sie noch ganz Anfängerin war, diese idealistisch schöne Partei erklärt habe; unter anderem die Stelle, wie sie mit stummer Gebärde auf die Anfrage Wolframs, ob er sie begleiten dürfe, zu antworten habe: „Ich danke dir für deine zarte Freundschaft, aber mein Weg dorthin, wohin mich keiner begleiten konnte.“

Indes kurz nach dieser Probe trübten sich leider die Aussichten auf eine schönes Gelingen. Die schadenfrohen Kobolde, die so gern eine idealen Moment im Menschenleben vereiteln, wären geschäftigt und bliesen von alles Seiten Wolken des Mißmuts, des Neids, der Ungunst auf. Politische waren unzufrieden, daß es die Fürstin Metternich war, welche zunächst die Einführung des dem französischen Temperament so ganz fremden Kunstwerks veranlaßt hatte. Die Presse war unzufrieden, weil Wagner nicht, wie Meyerbeer und andere getan, den Rezensenten „diners fins“ gab, um ihren Geschmack zu bestechen. Die „claque“, die sonst von jedem Komponisten förmlich engagiert wurde, war von Wagner verbannt und schäumte natürlich vor Wut. Auch im Orchester entstanden Parteien, besonders war der unfähige Dirigent feindlichen Sinnes geworden. Wir, die Freunde und Anhänger, beklagten es tief, daß Wagner anfangs abgelehnt hatte, selbst zu dirigieren, wie wir es alle sehnlichst wünschten. Endlich aber – und dies war die Hauptsache – waren es die jungen Pariser Löwen, die Herren des Jockey-Klubs, empört, daß kein Ballett in der gewöhnlichen Form und zu der gewöhnlichen Zeit, daß heißt im zweiten Akt stattfinde . . . Sie hatten die Gemeinheit, sich im voraus kleine Pfeifen zu kaufen, mittels deren sie ihr Kunsturteil abgeben wollten. So zogen sich die Wolken immer drohender zusammen, und mit Bangen ging ich in die Generalprobe, in der ich auch Olga mitnahm, weil ich wollte, daß sie am Größten und Schönsten die Kunst lieben lernen sollte (11. März 1961). Die Probe ging ohne äußere Störung vor sich. Das zahlreiche Auditorium bestand zum größten Teil aus Freunden, unter denen die Fürstin Metternich sich mit lebhaften Beifallsbezeigungen hervortat. Mir war es ein himmlischer Abend, denn mir brachte es das Längstersehnte, und obwohl ich fühlte, daß vieles in der Aufführung zu wünschen übrig blieb und daß sie Wagner nicht befriedigen würde, so war manches doch sehr schön, so die Elisabeth von der Sachs, und ich hatte doch einen Eindruck des Ganzen, der meine Ahnung bestätigte. Auch auf die kleine Olga wirkte der Zauber, wie ich gehofft; sie saß in Andacht und Begeisterung versunken, ohne zu ermüden, obgleich es spät in der Nacht war, als die Probe endete. Beim Herausgehen traf ich Wagner, der auf seine Frau wartete. Ich sah es an den Wolken des Unmuts auf seiner Stirn, wie wenig er befriedigt war, wie wenig er von dieser Aufführung den Sieg über die feindlichen Mächte hoffte. Ein Tag aufregender Erwartung verstrich, dann kam der Tag der Aufführung (13. März 1861). Ich war mit befreundeten Damen und Czermak in einer Loge. Die Ouvertüre und der erste Akt verliefen ohne Störung, und obwohl die Anordnung des gespenstischen Götterreigens im Venusberg weit hinter Wagners Idee zurückblieb und die drei Grazien im rosa Ballettkleid erschienen, so war es doch so, daß ich aufatmete und hoffte, die Befürchtungen würden zuschanden werden. Aber bei der Wandlung der Szene, bei dem hinreißenden poetischen Wechsel aus dem wüsten Bacchanal da unten in die reine Morgenstille des Thüringer Waldtals, bei den Klängen der Schalmei und des Hirtenliedes, brach plötzlich der lang vorbereitete Angriff aus, und ein gewaltiges Pfeifen und Lärmen unterbrach die Musik. Natürlich blieb auch die Gegenpartei nicht untätig, das heißt die Freunde und der Teil des Publikums, welcher ruhig hören und dann entscheiden wollte. Da sie numerisch doch die stärkere war, behielt sie auch den Sieg, die Aufführung ging weiter, die Sänger blieben unerschrocken und taten ihr Bestes. Allein es dauerte nicht lange, so fing auch der Lärm wieder an. Ebenso der Protest der Gutgesinnten, die auch schließlich immer den Sieg behielten, so daß die Aufführung völlig am Ende kam. Aber freilich, sie so grausam gestört und zerstückelt, daß auch den Wohlwollensten nicht die Möglichkeit geworden war, sich eine richtige Vorstellung des Ganzen zu bilden. In welcher Aufregung und Empörung ich war, ist kaum zu sagen; aber auch die anderen Gutgesinnten waren in einem ähnlichen Zustande. Czermak war so wütend, daß er nur mit Mühe zurückgehalten werden konnte, sich an einigen der Hauptführer tätlich zu vergreifen. Die Herren hielten nämlich gar nicht zurück mit ihren boshaften Machinationen, sondern saßren recht geflissentlich sichtbar, in ihren Glacehandschuhen bedeckten Händen die kleine Pfeife haltend, die dann auf ein gegebenes Signal die schrillen Töne hervorbrachte.

Am folgenden Tag ging ich zu Wagner. Ich fand ihn männlich gefaßt, und so sehr war dies der Fall, daß auch die wütendsten Journale in dem Kampfe, der gleichzeitig in der Presse entbrannte, es bekannten, daß er sich am Abend der Aufführung dem Sturm gegenüber auf das würdevollste verhalten habe. Er wollte die Partitur zurückziehen und eine zweite Aufführung verhindern, denn er hatte mit richtigem Blick erkannt, daß mit diesem Publikum der großen Pariser Oper an keinen wahren Erfolg zu denken sei. Wir alle, die näheren Freunde, die ihn umgaben, stimmten dagegen für die Wiederholung, da wir bestimmt hofften, daß die Sache durchdringen müsse. Wir gaben uns in unserer Leidenschaftlichen Erregung keine Rechenschaft darüber, daß dies jetzt eigentlich eine Unmöglichkeit war.

Es kam die zweite Aufführung heran (18. März 1861). Die feindliche Partei hatte sich noch entschiedener gerüstet, aber ebenso auch die der Freunde. Der Kampf wurde ein noch viel erbitterterer als das erstemal. Ich war mit Wagners Frau und der oben erwähnten ungarischen Dame in einer Loge. Neben uns waren Franzosen, die sich besonders durch Pfeifen, Zischen und Schreien hervortaten. Ich war völlig außer mir vor Empörung und machte nun auch laut, in französischer Sprache, meinem Zorne Luft. „Das ist das Publikum, welches sich anmaßt, der Welt vorzuschreiben, was Geschmack, was schön und vortrefflich sei? Eine Haufen Straßenbuben ist es, der nicht einmal Lebensart genug hat, Leuten, die anders denken, Ruhe und Muße zum Hören zu geben.“ In dieser Weise sprach ich ganz laut fort, so daß Frau Wagner mir erschrocken zuflüsterte: „Mein Gott, Sie sind zu kühn, Sie werden sich Unannehmlichkeiten zuziehn.“ Ich dachte aber an nichts als meinen Zorn und meine Verachtung eines solchen Publikums, und endlich wandte ich mich direkt an die Nachbarn und sagte: „Meine Herren, wenn Sie auch auf nicht anderes Rücksicht nehmen, so bedenken Sie wenigstens, daß die Frau des Komponisten hier neben Ihnen sitzt.“ Sie wurden einen Augenblick lang stutzig und etwas stiller. Dann aber fingen sie von neuem an. Danach gelang es auch diesmal nicht, den Vorhang zum Fallen zu bringen, und die Aufführung wurde bis zum Ende durchgeführt.

Wagner war nun noch mehr geneigt, fernerem Skandal Einhalt zu tun, aber wir anderen alle stimmten für die dritte Wiederholung (24. März 1861). Sie sollte mit aufgehobenem Abonnement stattfinden, und wir hofften nun gewiß, die Ruhestörer würden fernbleiben und nur das Publikum, welches wirklich hören wollte, würde kommen. Wagner hatte jedoch beschlossen, diesmal nicht hineinzugehen, um sich die unnütze Aufregung zu ersparen. Das gleiche tat seine Frau. Ich hatte eine Loge genommen, um Olga und die junge bei uns wohnende Marie mitzunehmen. Ich hoffte, sie würden von dieser Vorstellung eine ungestörten Genuß haben. Leider kam es anders. Die Ruhestörer hatten sich noch zahlreicher eingefunden, um ihr Werk fortzusetzen, und waren sogar von Anfang an da, was sie ihren Gewohnheiten nach sonst nie waren. Sie Sänger benahmen sich wirklich heldenmütig, sie mußten oft fünfzehn Minuten lang und noch länger anhalten, um den Sturm, der im Publikum tobte, vorüberzulassen. Aber sie standen ruhig, sahen unerschüttert in das Publikum hinein, uns so wie es stille wurde, nahmen sie ihren Gesang wieder auf und führten auch diesmal die Vorstellung zu Ende, obgleich das wahnsinnige Toben natürlich jede Freude an den einzelnen guten Leistungen und schönen szenischen Effekten verdarb. Die kleine Olga war ebenso leidenschaftlich erregt wie ich. Sie hatte bereits eine große Verehrung für Wagner und war in den Tiefen ihrer jungen Seele bewegt von dieser Musik, mit der sie eigentlich in das Reich der Töne eintrat. Dieselbe übte eine so entschiedene, wunderbare Macht über sie, daß mir daran von neuem die innere Wahrhaftigkeit derselben klar wurde. Olga mischte sich mit wahrer Wut in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien, lehnte sich über die Brüstung der Loge und rief mit aller Kraft: „A la porte, a la porte!“ indem sie auf die pfeifenden eleganten Herren zeigte. Zwei Herren, die neben uns in der Loge waren, schienen ganz entzückt von dem Eifer des Kindes und sagten mehrer Male: „Elle est charmante.“

Es war zwei Uhr in der Nacht, als wir uns im Foyer mit mehreren Freunden zusammenfanden und vereint zu Wagners gingen, die, wie wir voraussetzten, eines Berichts des Ausgangs harren würden. Auch hatten wir uns nicht getäuscht. Sie saßen gemütlich beim Tee, und Wagner rauchte eine Pfeife. Er empfing die Nachricht des abermaligen, und zwar erbittertsten Kampfes von allen mit Lächeln und Olga scherzte mit Olga, indem er ihr sagte, er habe gehört, sie hätten ihn ausgepfiffen. Aber am Zittern seiner Hand, als er mir dieselbe reichte, fühlte ich, daß das unnatürliche häßliche Begebnis ihn dennoch tief erregt hatte . . .

Wagner zog jetzt natürlich die Partitur zurück, und somit war dem Kampf auf dem Theater ein Ziel gesetzt. In der Presse und in der Gesellschaft aber dauerte derselbe wochenlang in erbitterter Weise fort. Seit Glucks Zeiten war etwas Ähnliches nicht dagewesen. Sehr vereinzelt waren die Stimmen, die tadelnd auftraten und das Benehmen des Publikum rügten, aber sie kamen doch und von nicht unbedeutender Seite. Unter anderen schrieb der alte Jules Janin einen sehr graziösen Artikel, indem er an den Fächer der Fürstin Metternich, den diese im Zorne über das Vorgefallene zerbrochen hatte, anknüpfte und dabei das Verfahren der Pariser auf das schärfste geißelte. Ich schrieb einen getreuen Bericht der Vorgänge nach England, der auch in den „Daily News“ gedruckt wurde und den mir Klindworth bei meiner Rückkehr nach England, ohne zu wissen, von wem er war, mit großer Freude zeigte.