Der Ring des Nibelungen
Wagner Inside
Es war im Jahre 1848, als Richard Wagner in Diensten des sächsischen Hofes als Kapellmeister stand und innerlich davon beseelt war, seinen Wirkungsbereich gründlich umzugestalten, um das Niveau drastisch zu heben. Gleichzeitig spürte er, dass im Außen die Atmosphäre erfüllt war von revolutionären Kräften. In diesem Wechselspiel entstand der Keim zu der großen Ring-Trilogie. Ein Held wollte geboren werden, der radikal mit dem Alten bricht, um etwas völlig Neues zu gewinnen.
Auf dem Wege des Nachsinnens über die Möglichkeit einer gründlichen Änderung unserer Theaterverhältnisse ward ich ganz von selbst auf die volle Erkenntnis der Nichtswürdigkeit der politischen und sozialen Zustände hingetrieben, die aus sich gerade keine andern öffentlichen Kunstzustände bedingen konnten, als eben die von mir angegriffenen. – Diese Erkenntnis war für meine ganze weitere Lebensentwicklung entscheidend.
Viele haben versucht, die Rolle Wagners in dieser revolutionären Zeit zu rekonstruieren, die ja schließlich auch dazu führte, dass er später steckbrieflich gesucht wurde. Die Frage war, in welchem Grade hatte sich Wagner an den Umsturzversuchen beteiligt oder war er gar ein Rädelsführer? Über seine Motivation dazu sagt er selber rückblickend:
Nie hatte ich mich eigentlich mit Politik beschäftigt. Ich entsinne mich jetzt, den Erscheinungen der politischen Welt genau nur in dem Maße Aufmerksamkeit zugewandt zu haben, als in ihnen der Geist der Revolution sich kundtat, nämlich, als die reine menschliche Natur sich gegen den politischen-juristisch (politisch-juristischen) Formalismus empörte: in diesem Sinne war ein Kriminalfall für mich von demselben Interesse, wie eine politische Aktion. Stets konnte ich nur für den Leidenden Partei nehmen, und zwar ganz in dem Grade eifrig, als er sich gegen irgendwelchen Druck wehrte: niemals habe ich es vermocht, irgendeiner politisch konstruktiven Idee zulieb diese Parteinahme fallen zu lassen. Daher war meine Teilnahme an der politischen Erscheinungswelt insofern stets künstlerischer Natur gewesen, als ich unter ihrer formellen Äußerung auf ihren rein menschlichen Inhalt blickte: erst wenn ich dieses Formelle, wie es sich aus juristisch-traditionellen Rechtspunkten gestaltet, von den Erscheinungen abstreifen, und auf ihren inhaltlichen Kern als rein menschliches Wesen treffen konnte, vermochten sie mir Sympathie abzugewinnen; denn hier ersah ich dann genau dasselbe drängende Motiv, was mich als künstlerischen Menschen aus der schlechten sinnlichen Form der Gegenwart zum Gewinn einer neuen, dem wahren menschlichen Wesen entsprechenden, sinnlichen Gestaltung heraustrieb, – einer Gestaltung, die eben nur durch Vernichtung der sinnlichen Form der Gegenwart, also durch die Revolution zu gewinnen ist.
Unschwer ist hier auch das Grundmotiv des „Tannhäuser“ zu erkennen: nämlich der Überdruss an den sinnlichen Genüssen im Venusberg und das daraus sich ergebende Hinsehnen in die reinen Äther zu „Maria“.
Richard Wagner war aufgrund seiner künstlerischen Natur und seiner reifen Seelen-Qualität tief durchdrungen von der drängenden revolutionären Atmosphäre, und so in der Lage, auf die anstehenden, sich daraus ergebenden Forderungen an die Menschheit unmittelbar zu reagieren. Seine Erneuerungspläne basierten denn auch auf einem friedlichen Verlauf der sich abzeichnenden Dinge.
Es geschah dies alles in der Voraussetzung einer friedlichen Lösung der obschwebenden, mehr reformatorischen als revolutionären Fragen, und des ernstlichen Willens von Oben herab, die wirkliche Reform selbst zu bewerkstelligen. Der Gang der politischen Ereignisse musste mich bald eines anderen belehren: Reaktion und Revolution stellten sich nackt einander gegenüber, und die Notwendigkeit trat hervor, ganz in das Alte zurückzukehren, oder ganz mit dem Alten zu brechen.
So war es in der Weltgeschichte immer wieder gewesen. Der Mensch konnte nicht stetig mit den sich entwickelnden Forderungen des Weltgetriebes, des Zeitgeistes, Schritt halten, dadurch baute sich Druck auf, der sich irgendwann entladen musste – so auch hier. Wagner ließ sich mitreißen.
Die von mir gemachte Wahrnehmung der höchsten Unklarheit der streitenden Parteien über das Wesen und den eigentlichen Inhalt der Revolution, bestimmte mich eines Tages selbst öffentlich gegen die bloß politisch formelle Auffassung der Revolution, und für die Notwendigkeit, dass der rein menschliche Kern derselben deutlich in das Auge gefasst werde, mich auszusprechen. An dem Erfolge dieses Schrittes gewahrte ich nun erst ersichtlich, wie es bei unsern Politikern um die Erkenntnis des Geistes der Revolution stand, und das eine wirkliche Revolution nie von Oben, vom Standpunkte der erlernten Intelligenz, sondern nur von Unten, aus dem Drange des rein menschlichen Bedürfnisses, zustande kommen kann.
Wagner erkennt hier – mit anderen Worten –, dass die Menschen in den führenden Positionen dort nicht aufgrund ihrer, sie dazu befähigenden Eigenschaften, hingeraten sind. Eigenschaften nämlich, die zu Tage treten, wenn die niederen egozentrischen sich in höhere Seelenwerte verwandelt haben.
Der Umbruch kann sich nur auf „rein menschliche“ Werte gründen. Wagner bezieht das auf das Gefühl, das im Herzen wohnt, im Gegensatz zu einem scharfen Intellekt. Doch es ist weit mehr: Es ist ein Seelenkonflikt, es ist der Notschrei des Mikrokosmos, der von dem irdischen Monster, dem Ego, unterdrückt und gefangengehalten wird. Und wer diesem Hilferuf Raum gibt, sodass sich der Mikrokosmos wieder offenbaren kann, kann eine Revolution durchführen. Aber nur eine Revolution, die ihren Anfang in der eigenen Seele nimmt, denn nur von dort aus kann etwas grundsätzlich Neues entstehen.
Und so kam Wagner wieder auf seine Kernkompetenz zurück.
Die Lüge und Heuchelei der politischen Parteien erfüllte mich mit einem Ekel, der mich zunächst wieder in die vollste Einsamkeit zurücktrieb.
Hier verzehrte sich mein nach außen gerichteter Drang wieder in künstlerischen Entwürfen. – Zwei solcher Entwürfe, die mich bereits seit längerer Zeit beschäftigt hatten, stellten sich mir jetzt fast zugleich dar, wie sie der Eigentümlichkeit ihres Inhaltes nach mir überhaupt fast für eins galten. Noch während der musikalischen Ausführung des „Lohengrin“, bei der ich mich immer wie in einer Oase in der Wüste gefühlt hatte, bemächtigten sich beide Stoffe meiner dichterischen Phantasie: es waren dies „Siegfried“ und „Friedrich der Rotbart“. –
Zunächst skizzierte Wagner ein fünfaktiges rezitierendes Drama über den historischen „Rotbart“. Doch dies bildete nur die letzte Stufe zu der Erkenntnis, auf diesem historischen Gebiete keine Ausdrucksmöglichkeiten für sein innerstes Drängen zu finden.
Mein Interesse an der Ausführung dieses dramatischen Planes ward jedoch, sogleich beim Erfassen, durch die mächtigere Anziehungskraft, welche die mythische Behandlung des mir hierbei aufgehenden gleich gearteten Stoffes in der Nibelungen- und Siegfried-Sage auf mich ausübte, verdrängt.
Durch seine bisherigen Werke legte Wagner nach und nach alle Einengungen und Vorgaben ab, bis nur noch dieser zu erringende „Reine Mensch“ übrig blieb. Und diese merkwürdige Anziehungskraft war die entscheidende Triebkraft, die den „Reinen Menschen“ – „Siegfried“ bewusst in ihm entstehen ließ.
Seit meiner Rückkehr aus Paris nach Deutschland hatte mein Lieblingsstudium das des deutschen Altertums ausgemacht. Ich erwähnte bereits näher des damals tief mich erfüllenden Verlangens nach der Heimat. Diese Heimat konnte in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit mein Verlangen auf keine Weise befriedigen, und ich fühlte, dass meinem Triebe ein tieferer Drang zugrunde lag, der in einer andern Sehnsucht seine Nahrung haben musste, als eben nur im Verlangen nach der modernen Heimat. Wie um ihn zu ergründen, versenkte ich mich in das urheimische Element, das uns aus den Dichtungen einer Vergangenheit entgegentritt, die uns um so wärmer und anziehender berührt, als die Gegenwart uns mit feindseliger Kälte von sich abstößt. Alle unsre Wünsche und heißen Triebe, die in Wahrheit uns in die Zukunft hinübertragen, suchen wir aus den Bildern der Vergangenheit zu sinnlicher Erkennbarkeit zu gestalten, um so für sie die Form zu gewinnen, die ihnen die moderne Gegenwart nicht verschaffen kann. In dem Streben, den Wünschen meines Herzens künstlerische Gestalt zu geben, und im Eifer, zu erforschen, was mich denn so unwiderstehlich zu dem urheimatlichen Sagenquelle hinzog, gelangte ich Schritt für Schritt in das tiefere Altertum hinein, wo ich denn endlich zu meinem Entzücken, und zwar eben dort im höchsten Altertume, den jugendlich schönen Menschen in der üppigsten Frische seiner Kraft antreffen sollte. Meine Studien trugen mich so durch die Dichtungen des Mittelalters hindurch bis auf den Grund des alten urdeutschen Mythos; ein Gewand nach dem anderen, das ihm die spätere Dichtung entstellend umgeworfen hatte, vermochte ich von ihm abzulösen, um ihn so endlich in seiner keuschesten Schönheit zu erblicken. Was ich hier ersah, war nicht mehr die historisch konventionelle Figur, an der uns das Gewand mehr als die wirkliche Gestalt interessieren muss, sondern der wirkliche, nackte Mensch, an dem ich jede Wallung des Blutes, jedes Zucken der kräftigen Muskeln, in uneingeengter, freiester Bewegung erkennen durfte; der wahre Mensch überhaupt.
Die revolutionären Geschehnisse hatten inzwischen ihren Höhepunkt erreicht und Wagner musste in die Schweiz flüchten, da er mittlerweile wegen der Beteiligung am Umsturz steckbrieflich gesucht wurde. Dieser Schritt beinhaltete für ihn aber auch eine ungeheure Befreiung. Er schreibt am 9. August an Uhlig:
Was ist die gemeine Sorge um die sogenannte – bürgerliche Zukunft gegen das Bewusstsein, in seiner edelsten Tätigkeit nicht despotisiert zu sein! Wie wenige Menschen haben sich selbst wirklich lieber als ihren Magen! Nun, ich habe gewählt, und der Sorge der Wahl wäre ich nun überhoben: so fühle ich mich denn im Innersten auch frei, und was mich von außen her plagt, kann ich verachten; den üblen Einwirkungen der zivilisierten Barbarei unsrer Zeit kann sich keiner entziehen, aber wir können machen, dass sie unser bestes Wesen nicht beherrschen.
In der Schweiz fand er auch bald Freunde, die ihm ein Unterkommen ermöglichten und die auch Interesse für seine Werke zeigten. Jedoch genau wie in Deutschland – wie sollte es auch anders sein – konnten dadurch nur die elementarsten Lebensbedürfnisse zeitweise gemildert werden. Das Leid in seiner Seele blieb der vorherrschende Grundton.
Der merkwürdige Gegensatz von Wagners innerem Erleben und der Sichtweise von Außenstehenden zeigt sich z. B. in den Memoiren seiner damaligen Freunde.
Frau Wille schrieb:
Die Lage politisch Exilierter mit ihrer langen, herben Qual, mit ihrem hoffnungslosen Suchen nach Teilnahme, ihrem vielfach abgewiesenen Anklopfen habe Wagner in Zürich nicht gekannt.
In Wagner sah es aber anders aus! An Theodor Uhlig schrieb er:
Das Einzige, was mich in glücklicher Täuschung erhalten könnte, bleibt mir aus: – Teilnahme, wirkliche, meinem Ohr laut werdende Teilnahme! … Da sitz‘ ich nun wieder, mit all‘ meinen Wünschen, Tichten und Trachten: unerträglich klar seh‘ ich, dass alles mir unbefriedigt und zwecklos bleiben muss! Leider, leider – überall, wo ich anklopfe!
Weiterhin schreibt die Allgem. Musikzeitung 1896:
Der Verbannte, den Alle hochhielten, den Viele verehrten, lebte in der Sicherheit des eigenen Herdes und hatte Freunde, die für ihn eintraten. Jeder fühlte sich geehrt, dem er ein freundliches Wort sagte. … Öde hat er nie gekannt, Anregung brachte er dahin, wo er sie nicht fand.
Was wäre uns für ein Bild Wagners überliefert, wenn nicht gleichzeitig seine Selbstzeugnisse dagegenständen?
Sein Biograph Glasenapp schreibt:
Das Vollgefühl eines erhöhten Daseins, wie es jene Bekannten und Freunde im Umgange mit ihm empfanden, wird in ihrer Erinnerung, sehr mit Unrecht von ihnen, als den Genießenden, auf den Meister übertragen, der sie doch immer erst, wo er unter sie trat, durch den Zauber seiner Persönlichkeit aus lethargischem Alltagsdasein aufrüttelte und durch unbefangene Gleichstellung über jede Empfindung persönlicher Unzulänglichkeit hinaushob. Immer musste dabei doch Er der anregende, der erhebende Teil sein. Gelang ihm die Anregung, so war es doch nur das Echo seines eigenen Wesens, das ihm aus diesen Kreisen entgegenklang. Wie oft aber gelang sie ihm nicht! Wie oft bedurfte er selbst der Aufrichtung aus hoffnungsloser Niedergeschlagenheit und suchte sie dann von außen vergebens! „Die Nahrungslosigkeit meiner Lage ist zu groß, all‘ mein Umgang ist mir abgestorben; Alles musste ich überleben und von mir werfen“, hören wir ihn dann klagen. Oder wir vernehmen von einem „Umgang, der mich peinigt.“ (Brief an Liszt)
Auch seinem Freund aus Dresdener Zeiten, Theodor Uhlig, schüttet er regelmäßig sein Herz aus:
Alles, was ich berühre, hängt den Kopf, seufzt, schweigt, und fällt nach dieser Mühe ins alte Leder zurück. … Ich kann es nicht mehr über mich bringen, etwas Halbes, ein Flickwerk zu unternehmen! Die Zwecklosigkeit, und die Unfähigkeit mich zu befriedigen, tritt mir hierbei wieder zu nackt entgegen. Alle weiteren Absichten, die ich damit verband, sind mir durch das Leder meiner Freunde im voraus zu nichts geworden. Hatte ich, bei dem ersten Gedanken an dieses Konzert, nur den Wunsch, einmal das Vorspiel zu Lohengrin zu Gehör zu bekommen, so entsage ich nun dem luxuriösen Apparate zur Erreichung dieses Wunsches. Sonderbar, dass mir’s wie Beethoven gehen muss: der konnte seine Musik nicht hören, weil er taub war, ich kann die meinige nicht hören, weil ich mehr als taub bin, weil ich in meiner Zeit gar nicht lebe, weil ich als ein Toter unter Euch herumwandle, weil die weite Welt voll Scheißkerlen ist!
… und an anderer Stelle:
Nein, sie sollen’s Alle wissen, die sich über meine Arbeiten, d. i. über mein Leben und Wirken zu freuen vermögen, dass sie sich über meine Schmerzen, über mein größtes Unglück freuen! – Lieber Freund! mir kommen jetzt oft eigene Gedanken über „die Kunst“ an, und meist kann ich mich nicht erwehren, zu finden, dass, hätten wir das Leben, wir keine Kunst nötig hätten. Die Kunst fängt genau da an, wo das Leben aufhört: wo nichts mehr gegenwärtig ist, da rufen wir in der Kunst, „ich wünschte“. Ich begreife gar nicht, wie ein wahrhaft glücklicher Mensch auf den Gedanken kommen soll, „Kunst“ zu machen: nur im Leben „kann“ man ja, – ist unsre „Kunst“ somit nicht nur ein Geständnis unsrer Impotenz? – Gewiss! wenigstens unsre Kunst ist dies, und alle die Kunst die wir aus unsrer gegenwärtigen Unbefriedigung im Leben heraus uns vorzustellen vermögen. Sie ist all nur, „möglichst deutlich ausgedrückter Wunsch“! Um den Wiedergewinn meiner Jugend, um Gesundheit, Natur, ein rückhaltlos liebendes Weib und tüchtige Kinder – sieh! gebe ich all meine Kunst hin! Da hast Du sie! Gib mir das Andere!
Diese tiefe seelische Einsamkeit trug aber auch dazu bei, dass sich Wagner über seine Beweggründe zunehmend klarer wurde. Liszt – der ihm rät, unbedingt nach Paris zu gehen (wogegen sich Wagner aber innerlich wehrt) – teilt er mit:
Alle Übel, die mir widerfahren sind, waren die naturnotwendigen Folgen der Entzweiung meines eigenen Wesens: die Kraft, die meine eigene ist, ist eine durchaus unnachgiebige und unteilbare; sie rächt sich mit Ungestüm durch ihre Natur, wenn ich sie durch äußeren Zwang ableiten oder teilen will. Ganz der sein, der ich sein kann und daher jedenfalls auch sein soll, vermag ich nur dann, wenn ich allen den Äußerlichkeiten entsage, die für mich nur unter jenem äußeren Zwange zu gewinnen sind: ich würde um ihretwillen immer und ewig meine Kraft zersplittern, immer und ewig dieselben Übel über mich herauf beschwören. Ich bin in Allem was ich tue und sinne nur Künstler, einzig und allein Künstler: soll ich mich aber in unsre moderne Öffentlichkeit hineinwerfen, – ich kann ihr nicht als Künstler beikommen, nun – und um als Politiker mich mit ihr zu befassen – davor bewahre mich Gott! – Grundarm und mittellos für das nackte Leben wie ich nun bin, ohne Gut und Erbe wäre ich daher einzig nur auf den Erwerb angewiesen; ich habe aber nichts erlernt als meine Kunst, und diese kann ich heut zu tage ganz unmöglich zum Erwerb verwenden: die Öffentlichkeit kann ich nicht suchen, meine einzige künstlerische Erlösung könnte einst nur dadurch vollbracht werden, dass die Öffentlichkeit mich suchte. Die Öffentlichkeit, für die ich daher allein schaffen kann, ist nur eine kleine Gemeinde Einzelner, die für mich jetzt die ganze Öffentlichkeit ausmachen. An diese Einzelnen muss ich mich somit wenden und ihnen die Frage vorlegen, ob sie mich und meine beste künstlerische Tätigkeit genug lieben, um nach Kräften es mir möglich zu machen, ich zu sein und meine Tätigkeit ungestört entfalten zu können.
Und um das ganze Projekt zu realisieren hat er schon im September 1850 konkrete Pläne für eine Aufführung:
Ich denke daran, den Siegfried (damals noch Siegfrieds Tod) wirklich noch in Musik zu setzen, nur bin ich nicht gesonnen, ihn auf’s Geratewohl vom ersten besten Theater aufführen zu lassen: im Gegenteil trage ich mich mit den allerkühnsten Plänen, zu deren Verwirklichung jedoch nichts Geringeres als mindestens die Summe von 10.000 Taler gehört. Dann würde ich nämlich hier, wo ich gerade bin, nach meinem Plane aus Brettern ein Theater errichten lassen, die geeignetsten Sänger dazu mir kommen und alles Nötige für diesen einen besonderen Fall mir so herstellen lassen, dass ich einer vortrefflichen Aufführung der Oper gewiss sein könnte. Dann würde ich überall hin an diejenigen, die für meine Werke sich interessieren, Einladungen ausschreiben, für eine tüchtige Besetzung der Zuschauerräume sorgen und – natürlich gratis – drei Vorstellungen in einer Woche hintereinander geben, worauf dann das Theater abgebrochen wird und die Sache ihr Ende hat. Nur so etwas kann mich noch reizen.
Das war wohl die erste Erwähnung eines Festspielgedankens.
Wagner hatte im Laufe des Jahres 1850 einige längere Aufsätze verfasst, einerseits um innere Klarheit zu finden und andererseits um seine Freunde über nichts in Verbindung mit seinem künstlerischen Schaffen im Unklaren zu lassen. Es waren die Werke:
„Das Kunstwerk der Zukunft“, „Oper und Drama“
Er teilt seinem Freund Franz Liszt am 25. November 1850 mit:
Ich betrachte die endliche Aufnahme meiner künstlerischen Pläne, zu der ich mich nun wende, als einen der entscheidensten Momente in meinem Leben: zwischen der musikalischen Ausführung meines Lohengrin und der meines Siegfried liegt für mich eine stürmische, aber – ich weiß – fruchtbare Welt. Ich hatte ein ganzes Leben hinter mir aufzuräumen, alles Dämmernde in ihm mir zum Bewusstsein zu bringen, die notwendig mir aufgestiegene Reflexion durch sie selbst – durch innigstes Eingehen auf ihren Gegenstand – zu bewältigen, um mich mit klarem heiteren Bewusstsein wieder in das schöne Unbewusstsein des Kunstschaffens zu werfen. So räume ich diesen Winter noch vollends hinter mir auf: ich will ohne irgend welche Last frei und leicht in eine neue Welt eintreten, in die ich nichts mit mir bringe, als ein frohes künstlerisches Gewissen.
Das wurde noch begünstigt durch die endlich erworbene Einsicht, in Zukunft die Welt bei seinem Schaffensprozess nicht mehr zu berücksichtigen. Seinem Freund Uhlig teilt er dazu mit:
Du wirst, mein lieber Freund, nächstens von Dingen hören, die Dir begreiflich machen werden, dass ich schon jetzt jeden Versuch zur Bekämpfung der herrschenden Dummheit, Stumpfsinnigkeit und Elendigkeit – vollständig aufgebe, dass ich das Faule faulen lasse, und meine noch rüstigen Kräfte für Produktion und Genuss nicht zur qualvollen und gänzlich erfolglosen Bemühung, den Leichnam der europäischen Zivilisation zu galvanisieren, abnutze. Ich habe nur noch im Sinne zu leben, zu genießen, d. h. als Künstler – zu schaffen und zur Darstellung zu bringen: dies aber nicht dem kritischen Dreckgehirne unsrer Bevölkerungen gegenüber.
Im Dezember des Jahres 1852 ist die Dichtung des Nibelungen-Ringes schließlich vollendet. Wagner beschreibt einen Tag später seinen Zustand in einem Brief an Robert Franz:
Ich bin jetzt in einer unsäglichen Arbeitsbrunst: die letzte Zeit war ich wie versessen auf die Vollendung meiner großen Nibelungen-Dichtung, und die ist nun gestern ganz fertig geworden. Was bei mir jetzt „arbeiten“ heißt, müssen Sie aber wissen: ich bin so nervenleidend, dass – wenn ich des vormittags zwei Stunden gearbeitet habe – ich den ganzen übrigen Tag und die Nacht auf das Sorgsamste nur darauf verwenden muss, mich von diesen zwei gewitterschweren Stunden wieder zu erholen, um mich für den nächsten Tag wieder zu einer zweistündigen Arbeit zu befähigen. Jede mindeste Anstrengung oder Aufregung muss ich dann scheuen und meiden, nichts darf ich lesen oder treiben, was meine Gehirnnerven irgendwie affizieren könnte. Wenn oft ein Geschäftsbrief kurz zu beantworten war, so büßte ich diese Überreizung gewöhnlich auf das übelste.
Noch ein Einblick in Wagners erlebte Seelenrealität soll hier Erwähnung finden, denn dort spiegelt sich ein innerer Widerspruch, der zumindest bis zum Zusammenleben mit Cosima für einen starken Zwiespalt sorgte. Er beschreibt diesen in einem Brief an August Röckel, der in den Dresdener Revolutionstagen mit ihm zusammen in den Aufstand verwickelt war und jetzt in Waldheim eingesperrt war.
Nur so viel muss ich Dir sagen, dass meine Kunst jetzt immer mehr das Lied der geblendeten, sehnsüchtigen Nachtigall wird, und dass diese Kunst plötzlich allen Grund verlieren würde, wenn ich eben die Wirklichkeit des Lebens umarmen dürfte. Ja, wo das Leben aufhört, da fängt die Kunst an: wir geraten von Jugend auf in die Kunst, ohne zu wissen wie? und erst wenn wir die Kunst bis an ihr Ende durchdringen, gewahren wir zu unserem Jammer, dass uns eben das Leben fehlt! – Könnt‘ ich mich nun mit neuen Täuschungen trösten, so wäre mir’s jetzt wahrlich leicht gemacht: könnte ich eitel und stolz sein, wie glücklich dürfte ich mich jetzt fühlen! Mein Ruhm ist im steten Wachsen begriffen: ich werde als eine unerhörte, noch ganz unklassifizierbare Erscheinung betrachtet: Broschüren und Journalartikel werden über mich geschrieben massenweise: Unverständnis und Bewunderung erhitzen sich gegenseitig über mich – und wie unsäglich gleichgültig lässt mich das Alles! Mir wäre es nicht möglich mehr, ein Wort zu schriftstellern, so widern mich das trostlose Missverständnis meiner Schriften an, nachdem der Kern meines Wesens und meiner Anschauungen fast gänzlich unbegriffen geblieben ist. – Wohl könnte mich aber Eines trösten: – ich werde nicht nur bewundert, sondern auch geliebt: wo die Kritik aufhört, da tritt die Liebe ein, und sie hat mir viele Herzen nahe gebracht. Doch diese Liebe muss für mich immer so etwas Fernes bleiben: sie tritt nicht anders als nur höchst vermittelt in mein Leben ein, und – wie nun dieses Leben sich einmal gestaltet hat – kann ich nur wie in weite Ferne in dieses Reich der Liebe blicken. Könnte ich ein richtiger Egoist werden, mir wäre geholfen: nun geht’s aber nicht anders, und – wie Du – kann ich mich nur durch Resignation wenigstens in der Wahrheit meiner Natur erhalten. –
Da also im äußeren Leben keine Aussicht besteht, diesen Zwiespalt aufzulösen, wird Wagner immer tiefer nach „Innen“ gedrängt. Und dass lässt sich schon weit in seiner Vergangenheit erkennen, nur mit dem Unterschied, dass er seine Seelenlage immer besser erkennt und akzeptieren kann, dass sein Weg nur vorwärts führen kann. Nur großen Seelen ist es beschieden, auf diesem Weg der zunehmenden Seelen-Finsternis auszuharren und sich nicht zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzuwenden.
Mitte 1853 kündigt sich dann endlich die kompositorische Beschäftigung mit der Ring-Dichtung an. Er schreibt an Otto Wesendonck:
Alles liegt mir daran, mich jetzt recht gründlich zu erfrischen, um – nach fast fünfjähriger Pause im Musikmachen – den nötigen jugendlichen Mut zu gewinnen, mit Lust und Heiterkeit mich an meine neue Riesenaufgabe zu machen. Ich habe einen ganzen großen Lebensabschnitt hinter mir zu schließen, um einen neuen, wichtigen zu beginnen: dazu brauch‘ ich neue Lebenseindrücke; gewisse Wünsche dürfen nicht mehr – durch Unerfülltsein – marternd in mir leben: ich bedarf einer gewissen Sättigung von Außen her, um dann durch einen schönen Gegendruck mein Inneres freudig wieder nach außen werfen zu müssen. So muss ich ganz ungehindert sein, reisen können, Italien genießen, vielleicht auch Paris wieder besuchen dürfen, um dann zu der angenehmen Ruhe zu kommen, die mir jetzt eben fehlt, wo ich zu sehr von ungestillten Wünschen erfüllt bin. Das Weitere findet sich dann von selbst.
Kurz vor seiner Italien-Reise schreibt er an Franz Liszt:
Recht schwer fällt es mir, mir einzureden, es müsse nun einmal so fortgehen, und sei nicht eigentlich moralischer, diesem skandalösen Leben ein Ende zu machen. – Wüste, Öde und Trostlosigkeit von früh bis zum Abend: und doch ist das jedesmal einer der Tage, aus denen sich einzig das Leben zusammensetzt!!
Italien sollte ihm also eine Grundlage schaffen, um die Arbeit am „Ring“ wieder aufzunehmen. Er hoffte, die Trostlosigkeit in seiner Seele durch die „Schönheiten von Italiens Auen“ verdrängen zu können.
Nach der Rückkehr schildert er dies in einem Brief an R. Franz vom 23. September 1853:
Noch einmal hatte ich mir – und zwar eben von dieser Reise – eine Flucht in das Leben verhofft, wie ich sie wiederholt schon früher auf verschiedene Weise versucht hatte: – ich sehe jetzt zu meiner Trauer, dass es zu spät, dass es mir unmöglich ist, und dass ich so nur noch durch meine Kunst mein Dasein mir erträglich machen kann. Dies ist die Stimmung, dies der Drang, der mich jetzt zur Komposition meiner Nibelungen treibt: – und diese Bewandtnis hat es überhaupt mit mir und meiner Kunst!
Es ist also für Wagner nur möglich, aus sich selbst heraus Befriedigung zu finden. Alles Erhoffen vom Außen hat sich als nutzlos erwiesen. Unter dem Drang der ihn führenden Kräfte-Konstellation bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich tief nach innen zu wenden … und eine neue Welt öffnet sich:
Freund! ich bin im Wunder! Eine neue Welt legt sich mir offen. Die große Szene im Rhein ist fertig: ich sehe einen Reichtum vor mir, wie ich ihn nicht zu ahnen wagte. Ich halte mein Vermögen jetzt für unermesslich: alles wallt und musiziert in mir. Das ist –
oh, ich liebe! (Mathilde Wesendonck) – und ein so göttlicher Glaube beseelt mich, dass ich selbst – der Hoffnung nicht bedarf!
… so teilt er Liszt mit. Welch eine wunderbare Fügung! Bedarf es eines noch deutlicheren Beweises, auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen?
Es ist jedoch niemals ein leichter Weg, seiner Berufung zu folgen. Wer einmal den Faden im Labyrinth gefunden und aufgenommen hat, lässt damit auch all‘ die irdischen Annehmlichkeiten los. Diese Annehmlichkeiten waren die Lichter, die sein bisheriges Leben künstlich erleuchteten. Für den jetzt zum Sucher geborenen Menschen wird es stattdessen dunkel, er erkennt, in einem Labyrinth zu stehen, nichts Vergangenes zählt mehr, kaum etwas ist noch zu erkennen, ständig gabelt sich der Weg und der Faden bleibt nur fühlbar, wenn der Sucher ganz nah an der Grenze zum Höheren in seiner Seele bleibt.
Richard Wagner fühlt das und drückt es mit folgenden Worten aus:
Wir müssen sterben lernen, und zwar sterben im vollständigsten Sinne des Wortes; die Furcht vor dem Ende ist der Quell aller Lieblosigkeit, und sie erzeugt sich nur da, wo selbst bereits die Liebe erbleicht.
In der Ring-Dichtung wird das im Verhältnis von Gott-Vater Wotan und seiner Frau Fricka dargestellt. Wotan liebt das Ewig-Neuwerdende, und Fricka vertritt das Traditionelle, das Alt-Hergebrachte. Von Liebe, im herkömmlichen Sinne, kann unter diesen Umständen keine Rede sein. In der Ehe zusammengeschweißt, müssen sich die beiden gegen das Gesetzmäßig-Wechselhafte der Natur verhalten, bis hin zur Lieblosigkeit. Wotan ist dies bewusst und er erkennt schließlich den Ausweg: nämlich sich sämtlichen Wechselfällen unterzuordnen, den Eigenwillen so sterben zu lassen und das Ganze letztendlich auch zu wollen – bis zur letzten Konsequenz. Das Ergebnis wird der Neue Mensch – Siegfried – sein, der vollständig unabhängig in dieser Welt steht.
Wagner schreibt dazu an Röckl:
Wie ging es zu, dass diese höchste Beseligerin alles Lebenden dem menschlichen Geschlechte so weit entschwand, dass dieses endlich alles was es tat, einrichtete und gründete, nur noch aus Furcht vor dem Ende erfasst? Mein Gedicht zeigt es. Es zeigt die Natur in ihrer unentstellten Wahrheit mit all‘ ihren vorhandenen Gegensätzen, die in ihren unendlich mannigfachen Begegnungen auch das gegenseitig sich Abstoßende enthalten. Nicht aber dass Alberich von den Rheintöchtern abgestoßen wurde – was diesen ganz natürlich war – ist der entscheidende Quell des Unheils. Alberich und sein Ring konnten den Göttern nichts schaden, wenn diese nicht bereits für das Unheil empfänglich waren. Wo liegt nun der Keim dieses Unheils? Siehe die erste Szene zwischen Wodan und Fricka – die endlich bis zu der Szene im 2ten Akte der Walküre führt. Das feste Band, das beide bindet, entsprungen dem unwillkürlichen Irrtume der Liebe, über den notwendigen Wechsel hinaus sich zu verlängern, sich gegenseitig zu gewährleisten, dieses Entgegentreten dem ewig Neuen und Wechselvollen der Erscheinungswelt – bringt beide Verbundene bis zur gegenseitigen Qual der Lieblosigkeit. Der Fortgang des ganzen Gedichtes zeigt demnach die Notwendigkeit, den Wechsel, die Mannigfaltigkeit, die Vielheit, die ewige Neuheit der Wirklichkeit und des Lebens anzuerkennen und ihr zu weichen. Wodan schwingt sich bis zu der tragischen Höhe, seinen Untergang – zu wollen. Dies ist Alles, was wir aus der Geschichte der Menschheit zu lernen haben: das Notwendige zu wollen und selbst zu vollbringen. Das Schöpfungswerk dieses höchsten, selbstvernichtenden Willens ist der endlich gewonnene furchtlose, stets liebende Mensch: Siegfried.
Das Verhältnis zwischen Wodan und Fricka, das Wagner hier schildert, zeigte sich auch in seiner eigenen ersten Ehe. Seine Frau Minna zeigte dieselben Züge wie Fricka und Wagner war machtlos, etwas daran zu ändern oder gar auszubrechen. Ihm blieb so nur der Weg der Entsagung übrig, der Weg der inneren Einkehr. Dass diese Umstände eine höhere Fügung waren, lässt sich einige Jahre später erkennen, als er Mathilde Wesendonck kennenlernte. Er fühlte in ihr eine starke Seelenverwandtschaft und doch musste er ihr wiederum entsagen, da sie verheiratet war.
Hat ein Mensch eine bestimmte Reife erlangt, wird er in ein höheres Geschehen aufgenommen, das ihn zuerst zu einer inneren Umkehr drängt. Das beinhaltet das Aufgeben aller irdischen Ziele, alles nach außen gerichtete Verlangen muss ersterben. Und das bis zum Kern alles Mittelpunktsuchenden.
Nachdem Brünnhilde sich gegen den Willen Wotans stellte, indem sie versuchte, Siegmund im Kampf gegen Hunding zu helfen, verbannte sie Wotan auf einen einsamen Felsen. Er trennte sich damit von seiner engsten Vertrauten.
Wodan ist nach dem Abschied von Brünnhilde in Wahrheit nur noch ein abgeschiedener Geist: seiner höchsten Absicht nach kann er nur noch gewähren lassen, es gehen lassen, wie es geht, nirgends aber mehr bestimmt eingreifen; deswegen ist er nun auch „Wanderer“ geworden: sieh Dir ihn recht an! Er gleicht uns auf’s Haar; er ist die Summe der Intelligenz der Gegenwart, wogegen Siegfried der von uns gewünschte, gewollte Mensch der Zukunft ist, der aber nicht durch uns gemacht werden kann und der sich selbst schaffen muss durch unsre Vernichtung.
Genau das ist die Botschaft, die Wagner in die Welt tragen soll. Alle seine Werke sind durchdrungen davon. Immer reiner und klarer dringt sie von Werk zu Werk durch die Umhüllung von Ton und Wort. Und so, wie die davon ausgehende Kraft das Himmlische im Menschen vom Irdischen trennen will, wird auch die davon Kenntnis nehmende Menschheit gespalten.
Der Weg vom Alten zum Neuen verläuft nicht linear, dann wäre er der Zeit unterworfen, und die Zeit ist nur ein Kristallisationsprodukt der Allgegenwärtigkeit. Das Alte kann das Neue nicht hervorbringen, es kann sich nur – angetrieben durch heiliges Glaubenswissen – einer höheren Kraft unterordnen, die dann verwandelnd eingreifen kann. Aus dem Alten kann sich auch nichts Neues entwickeln. Das Neue liegt versunken im Alten, und das Alte ist lediglich dazu berufen, der Auferstehung des Neuen beizustehen.
Ohne diese scharfe Trennung verliert sich der Mensch in einem nahezu ewigen Kreislauf. Er strebt zu den Sternen, muss jedoch immer wieder mit leeren Händen zurückkehren, viele Leben lang. Wenige beginnen zu ahnen, dass diese fruchtlosen Versuche nur ein „eitles Haschen nach Wind“ sind, wie es der Psalmdichter sagt. Es gibt nichts Neues auf Erden, alles ist schon dagewesen! Alles Streben des Menschen ist nicht ausreichend, um der Stimme des Herzens das zu geben, was sie ersehnt! Das erkannt zu haben und durch seine Werke den Menschen zu geben, darin besteht die wahre Größe Wagners.
Sein Wotan verkörpert das, was der Menschheit in diesem Zeitalter aufgetragen ist, zur Entwicklung zu bringen: nichts erreichen wollen, sondern beiseite treten, um den versunkenen Neuen Menschen – Siegfried – wieder erwachen zu lassen.
Dabei hat die Entstehung des Ring-Zyklus einen merkwürdigen Verlauf genommen. In visionärer Weise hat Wagner sich in seinem zuerst geschaffenen Werk – „Siegfrieds Tod“ – in der Hauptsache mit der Figur Siegfried beschäftigt, auf die er seine ganze Hoffnung setzte. Nachdem die anderen drei Werke Gestalt annahmen, war es Wotan, der in den Mittelpunkt rückte. Wotan verkörpert die leitende Instanz der irdischen Persönlichkeit, in der das Sehnen nach Erlösung aus den aussichtslosen Verhältnissen entsteht. Das ist derselbe Zwiespalt, der auch in Wagner anwesend ist.
Das Drängen aus den Tiefen seines Mikrokosmos, der erwachende Ruf des ursprünglichen Menschen, das Lebensprinzip „Siegfried“, rüttelt den irdischen Menschen auf, auszubrechen aus den nutzlosen Kreisläufen, die der eigene ichbezogene Wille – Wotan – generiert. Allmählich erkennt sich dieser als das eigentliche Hindernis auf dem Weg zum Neuen Menschen – Siegfried und nimmt den daraus resultierenden Auftrag an. So entstand die Verschiebung der Hauptfiguren in der Entstehung des „Ringes“.
Die Erschaffung eines derart tiefgehenden Werkes, wie das des Ring-Zyklus, nimmt seinen Ausgangspunkt, wie oben gesagt, im Erwachen des göttlichen, drängenden Lichtfunkens. Aufgrund der gewaltigen Bildungskräfte seiner Seele kann Richard Wagner auf den klaren Grund der der Menschheit gegebenen Mythen hinabsteigen, alles was die Zeit verunstaltet hat, durchschauen, und die Kräfteformel im Wesen der Mythe für die Menschen freimachen. Denn das ist der Sinn einer Mythologie.
Die beteiligten Personen, Götter, Zwerge usw. stellen Kräfte dar, die sich auf dem Pfad zum Neuen Menschen offenbaren, um verwandelt zu werden oder Hilfestellung dabei bieten zu können. Dies zu entschlüsseln, machte die Erschaffung dieses Mysteriendramas möglich.
Durch die Umstände in seinem Lebensgang erkannte Wagner nach und nach die Notwendigkeit einer inneren Umkehr. Das begann wohl, wen wundert’s, mit dem unerfüllten Verhältnis zu seiner ersten Frau Minna. Das stellt er auf wunderbare Weise zu Beginn der zweiten Szene im Rheingold dar, im Verhältnis von Wotan zu Fricka. Das innere Drängen aus der Seele nach Höherem sieht sich den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt gegenüber. Das Erdüberwindende gegen das Erdbindende.
Wie lässt sich dieser Antagonismus auflösen?
Die Fesseln, die die Flügel der Seele binden, lassen sich nicht nach der Art dieser Welt lösen, also etwa durch Ändernwollen des verursachenden Gegenübers.
Das musste er dann Jahre später auf feinerer Ebene noch tiefer erkennen, als das Verhältnis mit Mathilde Wesendonck letztendlich nicht vollendet werden konnte, da diese nicht bereit war, ihr bestehendes Verhältnis zu Otto Wesendonck aufzulösen.
Die Entsagung, die damit verbunden war, zeigen die Personen „König Marke“ und „Hans Sachs“ aus den Werken, die er in der „Ring-Pause“ schuf.
Eine weitere Erfahrungsebene, die ihn zur Selbstaufgabe drängte, finden wir im Kampf Wagners mit dem Opernwesen seiner Zeit. Die ersten Jahre seiner musikalischen Laufbahn verliefen diesbezüglich noch recht ordentlich und erfolgreich. Sein „Rienzi“ landete einen sensationellen Treffer. Der darauf folgende „Holländer“ wurde eigentlich nur durch die wunderbare Darstellung der Senta durch die Schröder-Devrient gerettet. Ab dem „Tannhäuser“ offenbarten sich dann zunehmend die begrenzten Möglichkeiten der Sänger und der Unwillen der zuständigen Verantwortlichen, den Vorstellungen Wagners von der Aufführung seines Gesamtkunstwerkes zu entsprechen. So dass Wagner letztlich dazu gedrängt wurde, ein eigenes Theater für die Aufführung zu schaffen und seine Darsteller selbst auszubilden.
Eine dritte Ebene stellte die Presse dar. Was da über ihn ausgegossen wurde, hätte nahezu jeden Anderen aus der Bahn geworfen oder zu Konzessionen gezwungen. Nicht so Wagner! Zu tief war er mit seiner Aufgabe verwachsen und sein Stolz ließ ihn keinen Millimeter vor den unaufhörlichen Angriffen und Verächtlichmachungen weichen. Er ordnete dieses Treiben da ein, wo es hingehörte.
Nur seiner Mission zu leben, war sein tiefster Wunsch. Und das sollte in Erfüllung gehen, nachdem er allen weltlichen Ansprüchen und Verlangen entsagt hatte. Ein König trat in sein Leben und befreite ihn von allen irdischen Lasten!
In dieser überaus wunderbaren Schicksalsfügung ist unschwer zu erkennen, wie sich auf nahezu magische Weise Wagners Sehnsucht nach einem Neuen Menschen in der Welt offenbart. Der eben gekrönte junge König eilt in seiner ersten Amtshandlung auf den schwergeprüften, aber unablässig vorwärtsdrängenden Künstler zu und hebt ihn heraus aus der niederen Welt.
—————
